Die Arbeit mit Menschen mit Demenz ist viel besser als ihr Ruf. Das zeigt ein Besuch im Caritashaus Marienheim in Regensburg.

Nicht, dass etwas Besonderes an dem Haus wäre – ein Eckhaus in der Ostengasse, Altbau, gelbe Fassade. Kein Fremder würde stehenbleiben. Erst wer es betritt, würde vielleicht wissen wollen, weshalb da Blumentöpfe von der Decke baumeln, eine alte Frau einen Stoffbären und ihren Kuscheligel spazieren trägt und ein umherwandernder Greis einen Sturzhelm trägt.

In Deutschland leben mehr als eine Million Menschen mit Demenz, rund vierzig davon im Caritas Alten- und Pflegeheim Marienheim in Regensburg. Es ist ein Haus, das sich auf die Pflege von Demenzkranken spezialisiert hat, ein beschützendes Pflegeheim. In der Region gibt es kein vergleichbares Heim, selbst bundesweit ist die Zahl verschwindend gering. Die Chefin des Hauses heißt Silvia Haseneder, wacher Blick, 38 Jahre jung, über ihrem Schreibtisch eine Postkarte mit dem Spruch Mach Dein Ding! Irgendjemand findet es eh scheiße, geschenkt von ihrem Team. Überall wird berichtet, wie schwierig es sei, mit Dementen umzugehen. Haseneder sagt: „Wir machen das einfach gern.“

Mancher Läufer schafft bis zu 40 Kilometer täglich

Der umherwandernde Greis nähert sich ihrer Bürotür, sie drückt ihm beim Vorbeigehen ein Sandwich in die Hand. Er ist einer der stärksten Läufer im Heim, schafft täglich bis zu 40 Kilometer, gemessen mit einem elektronischen Schrittzähler. Essen am Tisch? Undenkbar. Aber Energie braucht gerade er. Demente wandern mit Vorliebe, Hinlauftendenz“ nennen das die Fachleute. Der Gerontopsychiater Jan Wojnar interpretiert dieses Verhalten als Abschied von der Zivilisation. Wenn durch die Demenz die Großhirnrinde abgebaut werde, bestimmten tiefere Hirnregionen das Verhalten. Der Demente verhalte sich wie ein Mensch der Vorzeit und haste rastlos durch die Gegend wie ein Jäger oder Sammler.

Silvia Haseneder kam 2010 als Pflegedienstleiterin ins Marienheim, da lebten dort noch Demente und Nichtdemente gemeinsam. Sie merkte aber bald, dass sie nicht zusammenpassten. Die geistig Fitten fühlten sich gestört, wenn die geistig Verwirrten plötzlich zu ihnen in die Betten stiegen, ihre Schubladen ausräumten oder ihr Gebiss in der Suppe versenkten. Die Dementen hingegen reagierten gestresst: Sie schlugen, kratzten oder bissen, was typisch ist, wenn sie sich überfordert fühlen. „Herausforderndes Verhalten“ heißt das in der Fachsprache. „Es gab Reibereien“, sagt Haseneder. Um solche Konflikte zu vermeiden, nahm sie nur noch Demente ins Marienheim auf. Studien wie die des Schweizer Gerontoexperten Albert Wettstein belegen, dass reine Demenzheime eine höhere Lebensqualität für die Bewohner bieten und gleichzeitig bessere Arbeitsbedingungen für das Personal.

Warum gibt es sie dann so selten? Haseneder sieht einen Grund darin, dass die Verantwortlichen fürchten, kein Personal zu finden. Bei ihr war das bislang ganz anders: Wenig Fluktuation, guter Personalschlüssel, immer Auszubildende im Haus. Seit einigen Monaten aber wandelt sich das Bild: Wenn Mitarbeiter das Caritashaus verlassen, weil sie umziehen, schwanger sind oder in den Ruhestand gehen, kann die Heimleiterin die freien Stellen nicht mehr besetzen. Sie sah sich gezwungen, vorerst keine neuen Bewohner aufzunehmen, obwohl mehrmals täglich Angehörige anrufen, die einen Heimplatz für den Vater oder die Mutter suchen. Es fehlen Fachkräfte, Betreuer und Hilfskräfte. Dabei ist die Arbeit mit Menschen mit Demenz viel besser als ihr Ruf.

Ein kleiner, geschützter Ort, wie „das Dorf bei Asterix und Obelix“

Silvia Haseneder übernahm 2010 die Pflegedienstleitung im Marienheim, als dort Demente und Nichtdemente noch zusammenlebten.

Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage im Jahr, die Sonne lugt über die Dachgiebel. Wohnbereichsleiterin Angelika Wölbl flaniert Hand in Hand mit einer Bewohnerin durch den Heimgarten. Seit 17 Jahren arbeitet sie als Pflegerin im Marienheim. „Wir haben keine starren Strukturen“, sagt sie, „das kommt meiner Arbeitsweise zugute.“ Um Punkt 8 Uhr Frühstück? An zwei festen Tagen in der Woche unter die Dusche? Solche Vorgaben gibt es im Marienheim nicht. Wer auf die Bedürfnisse dementer Bewohner eingehen wolle, müsse flexibel arbeiten, sagt Wölbl. „Pflege ist mein Traumberuf“, sagt sie – und gerade die etwas andere Pflege im Marienheim bereite ihr Freude. „Wir sind wie das Dorf bei Asterix und Obelix“, sagt sie. Ein kleiner, geschützter Ort mit ganz besonderen Bewohnern.

In diesem Dorf gibt es einen offiziellen Ort des Zusammenseins, eine Art Marktplatz: den Aufenthaltsraum im zweiten Stock, links, am Ende des Flures. Hier treffen sich Bewohner, Angehörige und Pflegende. Fünf Demente sitzen um einen Tisch und spielen sich einen gelben Ballon zu. Daneben blättert die Betreuerin Gabriele Wagner mit einer Bewohnerin durch vergangene Zeiten, ein Fotoalbum mit Urlaubsbildern, vielleicht blitzt doch noch manche Erinnerung auf. Seit vier Jahren arbeitet Wagner im Marienheim. Sie möchte nichts anderes mehr machen. „Ich mag alles an meiner Aufgabe“, sagt sie. „Ich schenke Geduld und bekomme liebevolle Momente zurück.“

Nachtcafé und Sinnesgarten

Nach und nach stellten Haseneder und ihre Mitarbeiter das Heimleben nach den Bedürfnissen seiner Bewohner um: „Wer bei mir arbeitet, darf seine Ideen umsetzen“, sagt Haseneder. Sie entwickelten ein Nachtcafé, täglich geöffnet von 20.30 Uhr bis 23.30 Uhr, wenn in anderen Heimen längst die Lichter aus sind. „Wer so lange betreut wird, schläft nachts besser“, sagt Haseneder. Die Sturzzahlen verringerten sich (als zusätzliche Sturzprophylaxe gibt es für manche Läufer Helme und Hüfthosen). Sie legten einen Sinnesgarten an, mit essbaren Kräutern, Apfel- und Birnbäumen, sogar Melonen wachsen dort, beim Säen und Ernten helfen die Bewohner. Klangspiele wehen im Wind, ein Barfußtastweg kitzelt unter den nackten Füßen. Riechen, tasten, hören, schmecken – all das können (und lieben) Demenzkranke noch. Im Inneren des Hauses hängten die Mitarbeiter alle Bilder ab, bemalten stattdessen die Wände, „die kann niemand abhängen“, lacht Haseneder. Und die Blumentöpfe baumeln von der Decke, damit niemand an sie herankommt und die Blüten isst oder die Töpfe verschleppt. Menschen mit Demenz räumen gerne um, hin und her und ein und aus, was sich mit dem Beschäftigungsdrang kleiner Kinder vergleichen lässt.

Die meisten Alltagsprobleme ergeben sich, wenn die Pflegenden ihre Schützlinge waschen oder umziehen wollen, da diesen der Sinn zumeist nach etwas anderem steht. Haseneder wollte dies nicht akzeptieren, suchte kreative Auswege und studierte schließlich das US-Fachbuch Körperpflege ohne Kampf. Die angelesenen Tipps probierten sie und ihr Team bald aus: Ups! Da landete ein Marmeladenbrötchen auf dem Kopf von Frau Schmid* und prompt ging sie freiwillig unter die Dusche. Oder der Duschkopf rutschte einem Pfleger aus der Hand, das Wasser bespritzte Herrn Rieds Hemd. Da kooperierte er. Oder eine Pflegerin stimmte ein Lied an, Das Wandern ist des Müllers Lust oder Kommt ein Vogel geflogen, bald wurden singend die Fingernägel geschnitten. Fast vergessene Lieblingslieder werden zum Soundtrack der Körperpflege.

Demente sind „liebevoll, charmant, ungeschminkt“

„Das wichtigste ist, den richtigen Zugang zu Demenzkranken zu finden“, sagt Haseneder. „Validation“ heißt das in der Fachsprache. Demente seien keine kratzenden oder schlagenden Kreaturen, sondern durch und durch menschliche Wesen, „liebevoll, charmant, ungeschminkt.“ Das Erinnern schwindet, auch die Sprache verliert sich, im selben Maße aber nehmen unbewusstes Handeln und der Wunsch nach körperlicher Nähe zu. Die Gefühlswelt tritt an die Oberfläche. „Demente kriegen nicht mehr viel mit?“, fragt Haseneder spöttisch. „Von wegen! Sie bemerken alles.“ Sie könnten ihr Erleben und Begreifen nur nicht mehr so gut äußern. „Lachen, weinen, schreien, schweigen. Bei uns ist alles erlaubt. Wir bevormunden niemanden“, sagt sie. Die Chefin und ihre Mitarbeiter verabreichen in Absprache mit den Ärzten sehr wenig bis gar keine Psychopharmaka. Im Marienheim dürfen die Bewohner in Ruhe verrückt sein – ver-rückt in eine andere Wirklichkeit, ver-rückt in eine andere Lebenszeit. Viele Demenzkranke leben geistig in ihrer jungen Erwachsenenzeit.

Ganz verliert sich das einstige Ich aber nicht. Frau Meindl beispielsweise hatte ihr Leben lang Haustiere. Nun läuft sie mit Kuscheligel und Stoffbär den hell erleuchteten Heimflur entlang. Sie setzt sich auf einen Stuhl, streichelt ihrem Teddy das Fell, wiegt ihren Kuscheligel in den Armen. Für Angehörige sind solche Szenen manchmal verstörend. „Das ist nicht mehr die Mama, die ich kenne“, sagen sie. „Ja“, sagt die Heimleiterin, „es ist eine andere. Aber sie ist glücklich und zufrieden.“ Hinter der Fassade des gelben Eckhauses in der Ostengasse verbirgt sich tatsächlich Besonderes.

* Alle Bewohnernamen geändert.

Arbeiten bei der Caritas: Alten- und Pflegeheime

Die Caritas Regensburg betreibt in der Diözese rund 50 Alten- und Pflegeheime sowie knapp 60 ambulante Pflegedienste. Haben Sie Lust mitzuwirken?