Im Caritas Alten- und Pflegeheim St. Martin in Neustadt an der Waldnaab gibt es den beschützenden Wohnbereich Vergiss-mein-nicht. Dort leben Menschen, die demenziell verändert sind. Die Warteliste sei unendlich, sagt die Heimleiterin.

Wer die Wohngemeinschaft Vergiss-mein-nicht betritt, muss – laut HausUNordnung – einige Regeln beachten:

  1. Meine Tasse kann auch deine Tasse sein.
    Uns ist es egal, aus welcher Tasse wir trinken und von welchem Teller wir essen, Hauptsache wir werden satt.
  2. Singen, brummen, schimpfen, »Hallo« rufen.
    Wir haben nun mal unsere eigene Sprache. Wer uns kennt, versteht uns auch.
  3. Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust.
    Wir gehen oft und gehen viel. Lasst uns ruhig! Wir brauchen viel Bewegung und können daher Tag und Nacht im Wohnbereich spazieren gehen. Beim Wandern machen wir auch gerne Brotzeit. Brösel am Boden stören uns dabei nicht.

Das sind drei von zwölf Regeln der HausUNordnung im beschützenden Wohnbereich des Caritas Alten- und Pflegeheims St. Martin in Neustadt an der Waldnaab. Der beschützende Wohnbereich trägt den Namen Vergiss-mein-nicht: Zwölf Menschen, die demenziell verändert sind, wohnen dort. »Es ist ein Privileg, dort seinen Lebensabend zu verbringen. Die Heimbewohner dürfen so sein wie sie sind. Sie dürfen in Ruhe ver-rückt sein«, sagt die Heimleiterin Stefanie Schricker. Sie verwendet das Wort verrückt nicht im Sinne von psychisch krank, sondern im Sinne von »ver-rückt« in eine andere Lebenszeit.

»Demenziell veränderte Menschen leben in ihrer eigenen Welt«

Da ist beispielsweise der Schreinermeister Herr Huber*. Er ist überzeugt davon, dass er sein neues Zuhause, also den beschützenden Wohnbereich, ein Neubau des Heimes, erstens mitkonzipiert und zweitens selbst umgesetzt hat. Er sieht sich als Macher der Wände und der Möbel, der Türen und der Fenster. Die Heimleiterin hat ihm prompt die Bauleitung übergeben, er ist bei allen als »Der Bauleiter« bekannt.

Da ist beispielsweise die Hausfrau und fünffache Mutter Frau Gruber*. Sie ist in Eile, muss Essen zubereiten, weil gleich die Kinder vor der Tür stehen. Klar!, bestärken sie die Pflegenden und nutzen ihren Eifer, sie in hauswirtschaftliche Aufgaben einzubinden. In der Wohngemeinschaft Vergiss-mein-nicht gibt es keine Diskussionen um Wahrheit. »Demenziell veränderte Menschen leben in ihrer ganz eigenen Welt, oftmals in ihrer jungen Erwachsenenzeit«, sagt Schricker. »Wir akzeptieren das und stärken und begleiten sie.«

Stefanie Schricker leitet das Caritas Alten- und Pflegeheim St. Martin in Neustadt an der Waldnaab.

Stefanie Schricker kam vor rund fünf Jahren als Leiterin in das Caritas Alten- und Pflegeheim St. Martin nach Neustadt an der Waldnaab. Sie erkannte bald, dass es Bedarf an einem geschützten Wohnbereich für Demenzkranke gab. Die Zahl der Heimbewohner mit einer demenziellen Erkrankung nahm zu – und damit auch deren herausfordernde Verhaltensweisen. Einige schrien urplötzlich auf, andere hatten Aggressionsmomente, viele waren nachtaktiv, die meisten wollten sehr viel zu Fuß gehen oder, wenn nicht mehr möglich, im Rollstuhl unterwegs sein, was in der Fachsprache »Hinlauftendenz« heißt.

In der Forschung werde die Ursache für einige dieser Verhaltensweisen im sozialen Umfeld gesehen, erklärt Schricker. »Menschen mit einer Demenz sind mit unserer realen Welt häufig überfordert und drücken dies auf ihre ganz eigene Art und Weise aus.« 28 Bewohner in einem Wohnbereich, Besuche von Hausärzten, Therapeuten, Angehörigen – der normale Alltagstrubel im Pflegeheim ist für demente Menschen häufig zu viel. »Deren Gehirn schafft es nicht mehr, so viele Reize zu verarbeiten«, sagt Schricker.

Hinzu kam ein weiteres Stressmoment: Die dementen Senioren störten die Nicht-Dementen häufig; wenn sie beispielsweise Bratkartoffeln von deren Teller klauten, fremde Schubladen ausräumten oder schmutzige Hemden trugen. Aus eigener Erfahrung und aus dem Studium der Gerontologie wusste Schricker: »Die integrative Versorgungsform, also das Zusammenleben von dementen und nicht-dementen Heimbewohnern in einem Wohnbereich, ist nicht mehr zeitgemäß.« In ihrem Pflegeheim sollten sie künftig getrennt voneinander leben. Allerdings nicht alle. Sondern nur jene mit einem richterlichen Beschluss für eine beschützende Einrichtung.

Denn ein behüteter Wohnbereich bedeutet nicht nur mehr Ruhe und individuelle Pflege für Demenzkranke, sondern auch verschlossene Türen und Fenster: eine Schutzmaßnahme für demente Menschen mit Hinlauftendenz, die einer juristischen Erlaubnis bedarf.

Eine Wohnküche, eine Ruheraum, ein Garten

Das Raumkonzept des Vergiss-mein-nicht-Wohnbereichs ist auf seine Bewohner abgestimmt: Licht durchflutet die Zimmer, die Wände sind pastellfarben gestrichen. Die Möbel haben den Stil eines gemütlichen Vintage-Shabby-Looks und wecken Erinnerungen an vergangene Zeiten. Der Flur ist lang und breit im Sinne einer »Lauffläche«. Das Zentrum bildet die Wohnküche: Dort dürfen die Bewohner selbst kochen oder backen, Birnenkompott, frischen Salat oder Nusskuchen, und sich zum Sitzen und Plaudern treffen. Ein kleiner Ruheraum schließt sich an, in den sich die Senioren zurückziehen können. Zudem öffnet sich eine Terrasse ins Freie, bald soll auch der Garten angelegt sein, mit breiten, ebenen Wanderwegen und Beerensträuchern, Apfel- und Birnbäumen und Kräutern.

»Unser Pflegekonzept versteht den Menschen und sein soziales Umfeld als Einheit«, sagt die Heimleiterin. Die Pflegenden versuchen über verschiedene Techniken die Gefühlsebene der Heimbewohner anzusprechen. Denn im Gegensatz zum Kurzzeitgedächtnis reicht das Emotionsgedächtnis der dementen Senioren weit zurück. Das Erleben der Heimbewohner wird vor allem von deren Gefühlen gesteuert, wie Zufriedenheit oder Wut, Verlustängsten oder Geborgenheit. »Werden die Gefühle und Antriebe, die das Verhalten einer dementen Person prägen, wahrgenommen und begleitet, entsteht Vertrauen. Belastende Gefühle können ausfließen, angenehme werden lebendiger.«

Die Tagesstruktur in der Vergiss-mein-nicht-WG orientiert sich am so genannten MAKS-Konzept (Motorische-Alltagspraktische-Kognitive-Spirituelle Aktivierungstherapie). Dabei versuchen die Pflegenden soweit wie möglich auf Medikamente zu verzichten und über bestimmte sinnliche Reize, Bewegungsspiele und Beteiligungsangebote Geist, Körper und Seele der Senioren anzusprechen. »Die Bewohner brauchen das Gefühl, wichtig zu sein«, sagt Schricker. Studien belegen, dass sich dieses Pflegekonzept genauso intensiv auf Gedächtnis und Denken auswirkt wie die derzeit effektivsten Arzneimittel gegen Alzheimer (eine bestimmte Form der Demenz).

»Ein Leben mit Demenz ist lebenswert«

Zwei Gerontofachkräfte arbeiten im Wohnbereich, die anderen Pflege- und Betreuungskräfte dürfen selbst entscheiden, ob sie in den Bereich möchten. Die Fluktuation ist gering. »Wer dort arbeitet, entscheidet sich bewusst dafür«, sagt Schricker. Die Pflege von demenziell veränderten Menschen erfordere eine »enorme geistige Flexibilität«. Was tun, wenn die Senioren eine spontane Tanzeinlage aufs Parkett bringen, einen Schlager anstimmen oder die Möbel umstellen?

»Wir spinnen fast alles mit, was die Bewohner vorgeben.« Wer dort arbeitet, lerne, sich auf Verrücktheiten einzulassen. Und ab und an wünscht sich Stefanie Schricker, dass manches davon auch nach außen dringe: »Das Problem sind nicht die dementen Menschen, sondern unsere Gesellschaft, die so sehr auf die Etikette setzt.« Demenz, das sei nicht nur diese »graue furchterregende Erkrankung«, sondern auch viel Lebensmut und Freude. Schricker ist überzeugt: »Ein Leben mit Demenz ist lebenswert.«

Die Warteliste für den neuen Wohnbereich in St. Martin sei »unendlich«, sagt die Heimleiterin. Es hat sich offenbar herumgesprochen: In der Wohngemeinschaft Vergiss-mein-nicht leben Demenzkranke in Würde. Sogar ein Liebespaar hat sich dort gefunden: Frau Hackl und Herr Huber, der Bauleiter. Beide sind 77 Jahre alt. Sie haben sich beim Einzug in die Wohngemeinschaft kennengelernt. »Bei ihm passt einfach alles«, sagt sie über ihn. »Sie ist hübsch«, sagt er über sie. »Ich kann mich gut mit ihr unterhalten. Und das andere, was man nicht sagen darf, machen wir auch.« Wer könnte da noch glauben, ein Leben mit Demenz sei nicht lebenswert?

* Alle Bewohnernamen geändert.

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